Ein Vortrag von unfassbarer Dreistigkeit

Eine Analyse des Vortrags Prof. Röder - Teil 2



Der Wald als CO2-Speicher

Prof. Röder: „Die nachhaltige Nutzung hat einen wesentlich besseren Klimaschutzeffekt als wenn ich es aus der Nutzung rausnehme.“ ( … ) „Die Klimaschutzeffekte durch Nutzung übersteigen die der Nichtnutzung bei Weitem.“

Beide Argumente sind – bezogen auf die geplante Ausweisung eines Nationalparks Rhön – falsch. Prof. Röder unterscheidet zwei Klimaschutzeffekte. Den Klimaschutzeffekt durch die stoffliche Nutzung des Holzes und die damit einhergehende Bindung des Kohlenstoffs im Holz, und den sog. Substitutionseffekt, der dadurch entsteht, dass durch die Verwendung von Holz andere, energieintensive Materialien wie Stahl, Aluminium oder Beton nicht hergestellt werden müssen.

Der Klimaschutzeffekt durch stoffliche Nutzung

Ein Hektar Wald kann pro Jahr eine bestimmte Menge Biomasse – vor allem Holz – hervorbringen. Wie groß diese Menge ist, hängt im Wesentlichen von der Nährstoffausstattung, dem Wasserhaushalt und den Temperaturverhältnissen am konkreten Standort ab. Die produzierte Menge an Biomasse hängt aber nicht vom Handeln des Menschen ab. Eine Buche hat einen Lebenszyklus von ca. 300 bis 400 Jahren. Über diesen Zeitraum wird das Co2 der Luft durch die Photosynthese in Form von Holz gebunden und bei der Zersetzung dieses Holzes wieder freigesetzt.

Nutzt nun der Mensch das Holz, beeinflusst das die Co2-Bilanz nicht, denn es ist im Grundsatz egal, ob das im Holz gebundene Co2 im Wald stehend oder aber in verarbeiteten Holzprodukten festgelegt ist. Eher wird durch die Holznutzung die Co2-Bilanz verschlechtert, denn um das Holz zu verarbeiten, muss ja auch Energie aufgewendet und damit zusätzliches Co2 freigesetzt werden. Vor allem jedoch muss berücksichtigt werden, dass der Baum, der im Wald verbleibt, durch Photosynthese auch weiterhin Co2 in Holzmasse umwandelt. Der einmal geerntete und verarbeitete Stamm kann dies nicht mehr tun. Ein minimal positiver Effekt für den Klimaschutz ist nur dann zu erwarten, wenn das Co2 in dem verarbeiteten Holz länger gebunden bliebe als in dem Baumstamm, der weiterhin im Wald steht. Doch das ist sehr unwahrscheinlich.

Dazu ein Beispiel: Eine 80-jährige Buche wird eingeschlagen und zu Möbeln verarbeitet. Eine andere Buche, gleichen Alters, verbleibt im Wald. Geht man nun davon aus, dass die im Wald verbleibende Buche noch 220 Jahre wächst, dann über einen Zeitraum von 50 Jahren abstirbt und verrottet, dann ist nach 270 Jahren alles im Laufe des Lebens dieser Buche gebundene Co2 wieder in den Co2-Kreislauf zurückgeführt worden. Nebenbei hat die Buche jedoch 220 Jahre lang weiterhin Co2 gebunden, Sauerstoff produziert, hat Staub aus der Luft gefiltert, den Boden geschützt, war Lebensraum für zahllose Tiere, Pilze, Flechten, Moose und Wasserfilter.

Wenn das Holz der verarbeiteten Buche nur annähernd den Klimaschutzeffekt erzielen soll wie die Buche, die im Wald weiterwachsen konnte, müssten die aus der Buchen hergestellten Güter mindestens 270 Jahre lang genutzt werden! Das ist jedoch relativ unwahrscheinlich, zumal Buchenholz auf Grund seiner Eigenschaften nur im Innenbereich und nicht als Bauholz für z.B. Dachstühle eingesetzt werden kann.

Durch eine stoffliche Nutzung von Holz als solches ergibt sich kein Klimaschutzeffekt!

Der Klimaschutzeffekt durch Substitution

Verwenden wir Holz anstelle anderer Baumaterialien oder Holz als Energieträger, können dadurch in der gesamten Verarbeitungskette z.B. von Stahl, Aluminium oder auch Ziegel oder Beton erhebliche Mengen an fossilen Energieträgern eingespart werden. Dies bezeichnet man als Klimaschutz durch Substitution und in diesem Punkt kann man Prof. Röder nicht widersprechen.

Widersprechen muss man ihm aber, weil er behauptet, die Holzmenge der potentiellen Nationalparkfläche von ca. 70.000 fm würde bei Ausweisung eines Nationalparks am Holzmarkt fehlen und müsste daher entweder durch Importe aus Russland oder Rumänien oder eben durch Einsatz anderer Baustoffe als Holz ersetzt werden. Diese Behauptung ist falsch! Durch einen Nationalpark gehen dem Holzmarkt keine Mengen verloren.

Die Behauptung, die Ausweisung eines Nationalparks würde zu einem Holzmangel führen, ist nicht nur eine der zentralen Unterstellungen im Vortrag Prof. Röder, es ist auch die Basis fast jeder Behauptung der Nationalparkgegner.

Fassen wir daher noch einmal die Fakten zum Holzmarkt zusammen:

  • Die Holzmenge, die auf der Fläche eines Nationalparks geerntet werden könnte, entspricht lediglich ca. 1,5% des jährlichen Holzeinschlages im Bayerischen Staatswald. Rechnet man die Holzerzeugung des Privat- und Kommunalwaldes hinzu, sind es gar nur 0,5% der jährlichen Holzernte in Bayern.
  • Der Holzeinschlag im Staatswald Bayerns lag 2017 bei ca. 5 Mio. Festmetern.
  • Der Zuwachs aber lag bei rund 6 Mio. Festmetern.
  • Bayern exportierte 2016 rund 250.000 Festmeter Laubholz.
  • Bayern importierte 2016 aber rund 2 Mio. Festmeter Nadelholz.
  • Buchenholz hat am Holzverkauf der BaySF einen Anteil von lediglich 15%.

Quellen:
https://www.lwf.bayern.de/forsttechnik-holz/holzmarkt/072125/index.php
http://www.baysf.de/fileadmin/user_upload/01-ueber_uns/03-zahlen_fakten/Bilanz_2017/BaySF_Statistikband_2017.pdf

Die Zahlen machen deutlich: Es ist genug Laubholz vorhanden. Ein Nationalpark Rhön wird und kann den Laubholzmarkt nicht negativ beeinflussen. Zumal in den o.g. Zahlen Einschlag und Zuwachs in den großen Kommunalwäldern Unterfrankens noch gar nicht berücksichtigt sind.
Es mag ein Beleg für die verzweifelte Suche nach, im Grunde nicht zu erbringenden Beweisen für den besseren Klimaschutz des Waldes durch die menschliche Nutzung als durch natürliche Prozesse zu sein, wenn Prof. Röder argumentiert: „Allein durch den Holzbau schaffen wir es, dass Bayern Co2-neutral wird, wenn wir 100% Holzbauquote schaffen, zu etablieren.“ Selbst wenn man die Absurdität dieses Ansatzes ignoriert (Bayern hat derzeit eine Holzbauquote von ca. 20%), so hätte das Ziel einer Holzbauquote von 100% originellerweise genau die Konsequenzen, die Prof. Röder zuvor mehrfach und drastisch für den Fall einer Nationalparkausweisung beschrieben hat – der zunehmende Import von Holz, lt. Prof. Röder natürlich nur aus solchen Ländern, die es mit der Nachhaltigkeit nicht ganz so genau nehmen.

Randbemerkung

Wo Holz gekauft wird, ist immer die Entscheidung des Holzkäufers. Wenn Prof. Röder also den Import von Holz aus zweifelhaften Quellen beklagt, hätte z.B. der Cluster Forst und Holz, dessen Sprecher Prof. Röder ist, die Möglichkeit, seine Mitglieder aufzufordern, Holz aus den von Prof. Röder kritisierten Quellen eben nicht zu kaufen!!!

Kein Klimaschutzeffekt durch den Wald?

Natürlich haben Wälder eine enorm wichtige Klimaschutzfunktion. Nur funktioniert die eben nicht so, wie Prof. Röder dies ausführt. Wenn der Wald als Co2-Senke wirksam werden soll, muss vor allem:

- die Waldfläche vergrößert und
- auf der bestehenden Waldfläche das Holzvolumen erhöht werden.



Die Biodiversität des Waldes

Prof. Röder: „Die Biodiversität in Wirtschaftswäldern ist höher als in stillgelegten Wäldern. Wenn Sie die Biodiversität fördern möchten, müssen Sie die Wälder nachhaltig, gezielt bewirtschaften. Wenn Sie damit aufhören, bricht Ihnen die Biodiversität zusammen.“

Unwillkürlich fragt man sich, warum dann eigentlich die Regenwälder die artenreichsten Regionen der Erde sind, aber das Ziel dieser Argumentation sollte klar sein – der Öffentlichkeit muss das Bild vermittelt werden, dass auch der bewirtschaftete Wald ausreichend Platz für Arten hat, die vordergründig keinen monetären Nutzen bringen, so wie die Holznutzung. Denn nur wenn dem so sein würde, wäre die Einrichtung von Nationalparken überflüssig. Doch – kann das eigentlich sein, dass in einem Wirtschaftswald, und sei er noch so naturnah bewirtschaftet, die selbe Artenvielfalt zu finden ist, wie in einem Natur- bzw. Urwald? Eigentlich steckt die Antwort in den Begriffen der Frage. „Naturnah“ ist eben nur „Natur nah“, aber nicht „Natur“.

Es dürfte auch für einen Laien leicht zu verstehen sein, dass ein Baum in ganz bestimmten Altersstadien Lebensgrundlage für ganz bestimmte, spezialisierte Arten ist. Ein Specht z.B. wird in einem Stamm von 10 cm Durchmesser keine Höhle zimmern können. Ein Pilz, der für den Abbau von Holz „verantwortlich“ ist, wird dies nur tun können, wenn die Bäume nicht vor ihrem Absterben aus dem Wald entnommen werden. Die Grafik macht deutlich, dass ein Baum nach rund einem Drittel seiner natürlichen Verweildauer im Ökosystem vom Menschen genutzt wird. (Quelle: https://www.wsl.ch/totholz/totholzdynamik/holznutzung_DE)

Folglich fehlt er in den restlichen zwei Dritteln mit seinen speziellen Eigenschaften als Lebensgrundlage für entsprechend angepasste Arten. Alleine die Buche beherbergt z.B. rund 600 xylobionte Käferarten (Quelle: https://www.wsl.ch/totholz/lebensraum/wert_DE) Allein dieses einfache Beispiel macht eindrucksvoll deutlich, dass ein Wirtschaftswald, der die natürliche Dynamik des Waldes spätestens während der Optimalphase unterbricht und das Durchlaufen der Alters- und Zerfallsphase eines Waldes verhindert, niemals die Biodiversität von Urwäldern erreichen wird.

Warum das „Trittsteinkonzept“ der BaySF kein Ersatz für großflächige Schutzgebiete sein kann
„Alte Bäume und Totholz sind keine Lebensräume für die Ewigkeit. Irgendwann stürzen Altbäume um, und Totholz baut sich mit der Zeit ab. Für den langfristigen Fortbestand saproxylischer Arten ist die aus zeitlicher und räumlicher Sicht kontinuierliche Präsenz von Alt- und Totholz jedoch unerlässlich. Dies bedingt, dass fortlaufend neue Bäume sehr alt werden müssen und es ständig neues Totholz braucht, um abbaubedingte Verluste zu kompensieren. In Urwäldern und während langer Zeit ungenutzen Wäldern ist diese Kontinuität natürlicherweise gegeben. Weil aber die meisten Wälder Mitteleuropas seit Jahrhunderten genutzt werden, ist die zeitliche Kontinuität und die räumliche Vernetzung von Alt- und Totholz häufig unterbrochen.“
https://www.wsl.ch/totholz/totholzdynamik/vernetzung_DE

Das Trittsteinkonzept der BaySF unterstellt, dass es ausreichend ist, in bestimmten Abständen Altholzinseln zu belassen, die als Heimat für xylobionte Arten dienen sollen. Doch diese Rechnung geht nur bedingt auf. Grund dafür ist u.a. die geringe Ausbreitungsdynamik gerade saproxylischer Arten. Kann ein Specht oder eine Fledermaus noch über Kilometer bis zum nächsten geeigneten Baum fliegen, tun sich Käfer, Flechten oder Moose dabei deutlich schwerer. Sie sind auf die ineinandergreifende Dynamik aller Altersstrukturen des Waldes angewiesen.

„Naturnah“ ist eben nur „Natur nah“ und nicht „Natur“
Die BaySF geben einen aktuellen Wert von 10 m3/Totholz je Hektar auf ihren Waldflächen an (Quelle: Statistikband der BaySF 2017). Dabei wird allerding nicht nach stehendem oder liegendem Totholz unterschieden, auch die Menge starken Totholzes wird nicht angegeben. Dünnes Totholz, wie z.B. das bei Holzerntemaßnahmen im Bestand verbleibende Ast- und Kronenmaterial, ist für xylobionte Arten weit weniger wertvoll als z.B. starkes, stehendes Totholz.

In den „Heiligen Hallen“ in Mecklenburg-Vorpommern wurden Totholzvorräte von fast 140 m3/Hektar gemessen (bei 500 fm lebender Holzvorrat). In einem Buchenurwald in der Slowakei fand man pro Hektar gar 800 fm lebender Vorrat und 250 m3/Hektar Totholz - in der Summe also mehr als 1000 m3/Hektar. An diesen wenigen Beispielen wird deutlich, dass das Trittsteinkonzept der Bayerischen Staatsforsten einen Urwald nicht ersetzen kann. Das Trittsteinkonzept ist ein Ansatz, in Wirtschaftswäldern ein Minimum an Naturnähe zu erhalten – großflächige Schutzgebiete wie Nationalparke können damit nicht ansatzweise ersetzt werden.

Prof. Dr. Jörg Müller, stellvertretender Leiter des Nationalparks Bayerischer Wald und Professor für Tierökologie an der Universität Würzburg, hat die Rödersche Behauptung schon Tage zuvor während eines Vortrags im „Haus der Schwarzen Berge“ in Oberbach schon sehr treffend widerlegt als er sinngemäß sagte: „Es gibt keine ernstzunehmende Studie die beweisen würde, dass die Biodiversität in Wirtschaftswäldern höher ist als in Urwäldern. Die Existenz einer solchen Studie ist mehr das Wunschdenken der Inhaber einiger spezieller Lehrstühle.“

10 m3 sind zuwenig
Um einen Vorstellung davon zu bekommen, welche Menge an Totholz für das Fortkommen spezieller Arten notwendig ist, wurden von Forstwissenschaftlern sog. Schwellenwerte ermittelt. Für den seltenen Dreizehenspecht wird dieser Schwellenwert mit 13 m3/Hektar angegeben, für xylobionte Arten aus der Roten Liste in einem Buchenwald 29 m3/Hektar

Nicht einmal die simple Mathematik stimmt.

Prof. Röder:
Wenn Sie auf die Klimaschutzleistung von 10.000 Hektar Wald verzichten, müssen Sie dafür 31.000 Mittelklassewagen stilllegen“ (Annahme Prof. Röder: 46.500 t Co2/Jahr).

Rechnen wir nach, denn ein Mittelklassewagen, der pro Jahr nur 1,5 Tonnen Co2 ausstößt, wirkt verdächtig:

- Verbrauch Mittelklassewagen: 6,8 l Diesel/100km (Quelle: DEKRA)
- Co2-Emission [g/km]: 180 (Quelle: DEKRA)
- Fahrleistung je Jahr: 30.000 km (angenommen)
- Co2-Bindung 10.000 ha Wald 46.500 Tonnen/Jahr (Quelle Prof. Röder)


Über diese Werte lässt sich ein „Mittelklassewagenäquivalent“ von lediglich 8.600 errechnen. Prof. Röder hätte mit seinen 31.000 Mittelklassewagen aber Recht, wenn
- alle 31.000 Mittelklassewagen nur rund je 8.500 km je Jahr fahren oder
- realistische 30.000 km pro Jahr fahren, dann aber nur 2 Liter/100 km verbrauchen.

Schlussbemerkung:

Prof. Röder beschwert sich in seinem Vortrag mehrfach über die Tatsache, dass sein Gutachten vom Umweltministerium nicht zur Kenntnis genommen wird. Beschäftigt man sich mit dem Vortrag von Prof. Röder genauer, kann man nur hoffen, dass das Umweltministerium dabei bleibt.




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